Dystopie,  Rezension

Cryptos

Handlung:

Hitze, Naturkatastrophen, Lebensmittelknappheit. All das ist zum bitteren Alltag der 9 Milliarden Menschen unseres Planeten geworden. Die wenigsten von ihnen bleiben. Um den Folgen des Klimawandels zu entfliehen, entziehen sie sich der Realität dort, wo es ihnen am sichersten scheint. Jana ist Weltendesignerin, erschafft im Auftrag des Großkonzerns Mastermind eben jene Rückzugsorte, die überlebenswichtig geworden sind. In virtuellen Umgebungen erweckt sie längst versunkene Städte zum Leben und lässt Fantasiewesen Wirklichkeit werden. Die friedlichste von allen ist Kerrybrook, ein kleines Fischerdorf mit idyllischer Landschaft. Stetig wachsen die Besucherzahlen, ebenso wie in Macandor. Doch dann ereignet sich in Kerrybrook ein Ausfall. Zoe Uhland erscheint nach einem Messerangriff nicht mehr im System. Auch wenn der Tod in der Virtualität nur eine Illusion ist, wird ihr Depot überprüft und die Erkenntnis ist erschreckend. Jana ist gezwungen zu handeln und begibt sich selbst in das Netz aus virtuellen Welten. Doch einmal in seinen Fängen, verwebt es sie ungeahnt mit der Realität, bis es für Jana nur noch einen Ausweg gibt…

Meinung:

Ursula Potznanski zeichnet mit Jana eine mutige Protagonistin, die nicht aufgibt und stets für ihren Blickpunkt auf Gerechtigkeit kämpft. Nie scheut sie es ein Risiko einzugehen, lässt sich leiten von ihrem Tatendrang und ihren Überzeugungen. Dabei gerät sie jedoch oft in innere Konflikte, muss sich Fragen der Moralität und Menschlichkeit stellen und sich mit den Folgen des Klimawandels aktiv auseinandersetzen. Ich war gefesselt von ihren Gedanken und Gefühlen, habe die Vielschichtigkeit des Charakters bewundert und sie begleitet auf ihrer Reise durch die virtuellen Welten. Viele weitere Figuren waren jedoch in der Realität nur sehr grob skizziert. Man erfährt kaum etwas über ihr Wesen und sie finden nur blass mit ein paar Äußerlichkeiten und oberflächlichen Eigenschaften Darstellung zwischen den Zeilen des Werkes. Dies ist jedoch ihrem virtuellen Sein geschuldet, dass mich umso mehr fasziniert hat. Jeder konnte Äußerlichkeiten anpassen, seinen Charakter von Welt zu Welt gänzlich wandeln. Nie kannte man ihre wahren Hintergründe und vor allem nicht die Absicht ihres Handelns. Dies hat zum Spannungsbogen der Geschichte beigetragen und offenbart, dass das Ich der Realität mit all seinen detaillierten Facetten in der Virtualität mehr und mehr verloren geht.

Mit unglaublich vielen Details und Ideen hat Ursula Potznanski die vielen verschiedenen Welten ausgearbeitet und mich der Realität für einige Stunden gänzlich entzogen. Ich war begeistert von den Möglichkeiten der Virtualität und fand es gleichzeitig erschreckend, wie weitreichend die Gefahren dieser sein können. Besonders die Abhängigkeit der Weltbevölkerung von Mastermind in dem dargestellten Szenario zeichnet Ursula Potznanski eindringlich zwischen die Seiten, gibt einen Ausblick, wo wir stehen könnten, wenn wir weiter die Augen vor Klimawandel, Überbevölkerung und Monopolen verschließen. Auch die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser neuen Art von Lebensweise waren treffend dargestellt und haben den Lesenden auch auf der emotionalen Ebene berührt. Das Buch hat mich zum Nachdenken in diesen Bereichen angeregt, doch auch die Position von einer Weltendesignerin werfen für mich (religiöse) Fragen und gesellschaftliche Konflikte auf, welche jedoch kaum Ausarbeitung zwischen den Zeilen finden.

Das Cover des Buches stellt die eigene Isolation von der Realität in den virtuellen Welten treffend dar. Gleichzeitig zeigt es jedoch auch die Verwobenheit mit der Außenwelt auf und macht die Abhängigkeiten zwischen den beiden Ebenen deutlich. Ich könnte stundenlang vor diesem Buch sitzen und philosophieren ohne auch nur eine Zeile zu lesen und bin begeistert von der Tiefgründigkeit des Werkes. Es ist mehr als nur eine Handlung, die mit der letzten Seite Abschluss findet. Am Ende der Geschichte fängt die eigentliche erst an.

“Ich liebe es, Spielwiesen für andere zu erschaffen und dann zu sehen, wie sie sie mit Leben füllen. Früher hießen die Designer Creators, und genauso fühle ich mich.”

Fazit:

Cryptos ist ein futuristisches Werk voller Wendungen und einer starken Hauptfigur. Neben der spannenden Handlung behandelt das Buch auch unglaublich wichtige gesellschaftliche Fragen und setzt sich detailliert mit den möglichen Auswirkungen unseres Handelns in naher Zukunft auseinander. Literatur voller Kreativität und Philosophie, die ich all denen empfehle, die das Jetzt hinterfragen und das virtuelle Sein entdecken wollen.

TitelCryptos
AutorinUrsula Poznanski
VerlagLoewe Verlag GmbH
Erscheinungsjahr2020
Seitenzahl448
Preis19,95 €

Eure Jasmina

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