Dystopie,  Rezension

Eines Menschen Flügel

Handlung:

Allzeit ist der Himmel undurchdringlich. Er steigt und sinkt mit den Jahreszeiten und gibt doch nie den Blick auf die Sterne frei. Niemand hat sie je zu Gesicht bekommen. Bis in solche Höhen, so glaubt man, können keines Menschen Flügel tragen. Und so bleiben sie ein ferner Ort, der Ort, von dem einst die Ahnen kamen und eine paradiesische Welt vorfanden. Ein Paradies mit einer großen Schwachstelle und die lauert mordlustig unter der Erde. Da selbst die Ahnen diesem sogenannten Margor nichts entgegensetzen konnten, verliehen sie ihren Nachfahren Flügel, auf das sie auf den Riesenbäumen der Welt in baumhausähnlichen Nestern leben und vor der Gefahr in der Tiefe stets geschützt sein würden.

So grausam der Boden ist, so faszinierend ist der Himmel, jedenfalls für Owen, den besten Flieger der Küstenlande. Wie kein anderer bewältigt er selbst größte Distanzen souverän und wird nie müde, weiter zu trainieren. Denn Owen hat einen Traum: Die Sterne mit eigenen Augen zu sehen. Dass er dafür viel Spott, gerade vom Stammesältesten der Wen, erhält, macht ihm nichts aus. Denn was für alle nach einem unmöglichen Vorhaben aussieht, ist für ihn nur eine weitere Herausforderung. Eine Herausforderung, die im Erfolg mündet, doch ihn fast das Leben kostet. Auf Bitte seiner Frau Eiris beschließt er über jenen Tag zu schweigen.

Als er jenes Schweigen Jahre später bricht, wird schnell klar, dass das Durchstoßen der Grenzen seiner Welt nicht ohne Folgen bleiben wird. Folgen, die seinen Sohn Oris dazu veranlassen, mit seinen Freunden, den aufmerksamen Fliegern, eine Reise anzutreten, die sie quer über den gesamten Kontinent führt. Eine Reise, die eine bedrohende Entwicklung für den ganzen Planeten auslösen soll.

Meinung:

Geflügelte Menschen. Das hat bei mir von der ersten Seite an Faszination ausgelöst. Wer hat schließlich nicht mal davon geträumt, sich aus eigener Kraft in die Lüfte zu erheben? Dass es sich bei den Flügeln um keine geheimnisvolle magische Fähigkeit, sondern um eine genetische Veränderung ihres Erbguts handelt, machte das Buch für mich sofort umso spannender. Denn die Möglichkeit zu Fliegen ist für jeden Menschen zur Notwendigkeit geworden, ohne die es sich nur schwer überleben lässt. Umso schwerer hat es Oris, der Sohn Owens. Schon fünf Frostzeiten hat er gesehen, ohne auch nur annähernd das Fliegen erlernt zu haben. Das macht ihn zum Gespött der anderen Kinder des Nestes, erniedrigende Worte, gegen die er kaum etwas ausrichten kann. Denn auch ihm macht seine fehlende Fähigkeit große Angst. Ein falscher Schritt auf dem Nestbaum, ein unglücklicher Windstoß und er findet sich auf dem Boden wieder, sofort dem Margor ausgeliefert.

Dann ist da plötzlich Bassaris. Ein großer, starker Junge, der beschließt, Oris zu seinem Freund zu machen und immer zu beschützen. Ein Versprechen, dass er ihr Leben lang nie brechen soll. Das Verhältnis zwischen Oris und Bassaris fand ich wirklich bewundernswert. Es hat mich sehr über Kameradschaft und Loyalität nachsinnen lassen, bis ich zu dem Schluss kam, dass keines der beiden Wörter für das Motiv von Bassaris passt. Ich erkannte, dass Bassaris Oris beschützt, weil er es ihm als Freund versprochen hat. Und, weil es für ihn selbstverständlich ist, seine körperliche Stärke mit einem Schwächeren zu teilen. Bassaris kommt im Gegensatz zu Oris immer sehr wortkarg und manchmal auch etwas dümmlich rüber. Sein Band zum nachdenklichen, mutigen und klugen Oris zeigt jedoch, dass in ihm weitaus mehr steckt, als man ahnt.  

Nicht nur das Verhältnis zwischen Oris und Bassaris hat mich zum Nachdenken angeregt. Zwischen den Figuren des Romans existieren so viele unterschiedliche Beziehungsebenen, dass es wahrhaftig ein ganzes Buch bräuchte, um allein diese zu erläutern. Eine Tatsache, die auch damit begründet ist, dass es einfach soooo viele Charaktere gibt, aus deren Perspektive manchmal mehrere Kapitel lang erzählt wird. Ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn plötzlich eine Figur, die vorher nur am Rande erwähnt worden war, ihr eigenes Kapitel bekam. Es war immer interessant, Einblicke in ihre eigene Geschichte und ihre Gedanken- und Gefühlswelt zu erhalten. Vor allem aber reiste man auf diese Weise als Leser ständig über den gesamten Kontinent, lernte unterschiedliche Nester und damit auch unterschiedliche Lebenswelten kennen.

Diese vielen unterschiedlichen Nester sind alle auf dem bekannten Kontinent der Welt gelegen und pflegen freundschaftliche Beziehungen zueinander. Sie handeln mit Waren auf den Märkten, unterstützen sich in Krisenzeiten oder besuchen einander zu feierlichen Anlässen. Das Wort „Krieg“ ist niemandem ein Begriff, genau so wenig wie „Soldaten“, welche einzig im Buch Ema als Teil ihrer dystopischen Träume Erwähnung finden.

Das Buch Ema ist eines der sogenannten Großen Bücher, welche von den Ahnen hinterlassen wurden. Zunächst ist es allerdings das Unbedeutendste von allen, ist es doch viel wichtiger, die Rechenarten des Buch Jufus zu verstehen oder anhand des Buch Kris das gemeinschaftliche Zusammenleben zu organisieren. Die Nester halten sich streng an die Bücher der Ahnen, sind sie doch überzeugt, dass jene nur das Beste für sie wollten. Und so gibt es in einem Nest weder Besitz, noch so etwas wie Geld. Stattdessen hilft jeder im Nest mit, wie er kann, kocht, pflanzt, jagt für die Gemeinschaft, fliegt als Kurier zu anderen Nestern, handelt auf Märkten mit allerlei Waren.

Die Koordination dieser Dinge liegt dabei in der Hand des jeweils Nestältesten, dennoch werden Entscheidungen meist gemeinsam auf dem Mahlplatz getroffen, sodass jeder Erwachsene das gleiche Recht auf Mitbestimmung hat. Alles ist dabei, von gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten abgesehen, unglaublich friedlich, von Nestler zu Nestler jedenfalls. Denn nicht alle leben in Nestern. Große Schwärme von Nestlosen ziehen über die Welt, von allen Seiten mit Vorurteilen und oft auch mit Verachtung konfrontiert. Anders als alle anderen folgen sie den Weisheiten des Buch Wilian, das niemand je zu Gesicht bekommen hat.  

Ich fand es unglaublich interessant, wie Andreas Eschbach die Gesellschaft der geflügelten Menschen konzipiert und erdacht hat und damit nicht selten leise Kritik an unserer Gesellschaft übt. Über den Realismus der Funktionsfähigkeit dieses Zusammenlebens lässt sich natürlich streiten, doch die Idee dahinter hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. In manchen Momenten erschien mir die Welt, die Andreas Eschbach hier mit Worten formt, fast wie eine Utopie. Umso trauriger ist es, gegen Ende zu erfahren, dass das Universum als Ganzes schon lange dystopische Züge zeigt…

In diese spannende und interessante Welt setzt Andreas Eschbach die Geschichte des jungen Oris und seinen Freunden, den aufmerksamen Fliegern. Eine Gruppe, die ein Abenteuer wagt und damit ihren gesamten Planeten wortwörtlich ins Wanken bringen soll. Die zunächst langsame und doch immer unaufhaltsam werdende Entwicklung hat mich Seite um Seite in Atem gehalten. Eine Spannung, die manchmal von der Detailverliebtheit Eschbachs gebrochen wird und mich doch immer wieder sehr fesseln konnte. Ich bin einfach nur begeistert und beeindruckt von diesem Buch epischen Ausmaßes und vermisse diese einzigartige Welt mit ihren vielen Charakteren schon jetzt schmerzlich.

„Mit den Versprechen, die wir halten, halten wir die Welt zusammen“ – Zolu

Fazit:

Eines Menschen Flügel ist ein unglaubliches Werk mit starken Charakteren, spannenden Ereignissen, doch vor allem mit einer absolut einzigartigen Welt. Ich kann nur jeden Science-Fiction-Fans wärmstens empfehlen, sich an die 1257 Seiten zu wagen und sich zwischen Utopie und Dystopie Stunde um Stunde zu verlieren.

Fakten:

TitelEines Menschen Flügel
AutorAndreas Eschbach
VerlagBastei Lübbe
Erscheinungsjahr2020
Seitenzahl1257
Preis26,00

Eure Jasmina

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