High Fantasy,  Rezension

Die sechs Kraniche

Handlung:

Shiori lebt reich, privilegiert, sorglos. Als einzige Tochter und siebtes Kind des Kaisers von Kiata liegen die größten Herausforderungen des Alltags in ungeliebter Handarbeit und regelmäßigem Privatunterricht am Hof in Gindara. Stets unter den wachsamen Augen ihrer Stiefmutter Raikama – der namenlosen Königin – geht sie ihren Pflichten nach, darauf bedacht, ihr Geheimnis zu verbergen. Denn Shiori besitzt die Gabe der Belebung. Eine magische Gabe, die es eigentlich nicht mehr geben dürfte. Nicht zu dieser Zeit, denn die Magie ist durch die Götter selbst vor vielen Jahren aus Kiata verbannt worden. Dennoch ist der kleine Papierkranich Kiki im Saum ihres Ärmels ohne jeden Zweifel lebendig. Mit ihrer frechen und altklugen Art ist Kiki Shioris beste Freundin. Ihr vertraut sie ihre Ängste, Träume und Wünsche an, doch auch den Unmut über das, was ihr bevorsteht: Die Hochzeit mit Takkan, dem Sohn des Lords Bushian. Der „unzivilisierte Lord dritten Rangs“, wie sie zu sagen pflegt, lebt im fernen Iro. Ein Ort, der so anders ist als Gindara, so weit weg von Shioris sechs Brüdern.

Doch es soll anders kommen. Am Morgen ihrer Verlobungsfeier entwischt ihr Kiki und lässt sie geradewegs in einen See hineinstolpern. Ihr Überleben verdankt sie zu allem Überfluss einem Drachen, welche in Kiata als ausgestorben gelten. Seryu wird Shioris erster Lehrmeister, zeigt ihr, mit ihrer magischen Kraft umzugehen. Als er bis Ende des Frühjahrs ins Reich der Drachen zurückkehren muss, ist Shiori untröstlich. Doch die folgenden Monate sind alles andere als ereignislos. Denn nicht nur Shiori hütet ein Geheimnis. Auch ihre Stiefmutter Raikama hat etwas zu verbergen. Als Shiori jenes lüftet und Raikama ihre Magie entdeckt, verwandelt sie Shioris sechs Brüder in Kraniche. Shiori selbst wird mit einer Schale auf dem Kopf aus Gindara verbannt. Als Küchenhilfe Lina krempelt sich Shioris Leben in wenigen Wochen völlig um, doch sie ist mit Schweigen gestraft. Raikamas Fluch ist mächtig und mit jedem Wort wird einer ihrer Brüder sterben…

Meinung:

Wie schon „Ein Kleid aus Seide und Sternen“ konnte mich auch das neuste Buch von Elizabeth Lim sofort in seinen Bann ziehen. Die grazilen Kraniche auf dem Cover trugen meinen Blick ganz leicht zwischen die ersten Seiten, ließen mich abtauchen ins tiefe Wasser und führten mich sogleich zur Protagonistin selbst: Shiori. Zerrissen zwischen Kind sein und erwachsen werden wirkt sie zu Beginn des Buches oft sehr naiv. Ihr launisches Gemüt ist am Hof nur allzu bekannt. Die Behauptung, ein Drache hätte sie vor dem Ertrinken bewahrt, festigt ihren Ruf als „Lügenprinzessin“ scheinbar erneut.

Doch ihr extrovertiertes Verhalten kann nicht über ihre innere Einsamkeit hinwegtäuschen. Ihre Brüder sind immer mehr in die Pflichten des Hofes eingebunden, finden nur noch wenig Zeit für die kleine Schwester. Auch ihr inniges Verhältnis zu ihrer Stiefmutter Raikama ist bereits vor vielen Jahren zerbrochen. Wer bleibt, ist Kiki. Der lebendige Papierkranich ist ein Resultat ihrer Magie und stets an ihrer Seite. Er wird zum frechen Begleiter der Protagonistin und bringt den Lesenden immer wieder zum Lachen. Ich habe die stummen Gespräche der beiden geliebt!

Shioris Charakter macht während der Geschichte eine starke aber realistische Entwicklung durch. So wächst er an den neuen Lebensumständen, mit welchen Shiori nach ihrer Verbannung konfrontiert wird, fordert Zielstrebigkeit ebenso wie Mut jeden Tag aufs Neue ein. Beide Eigenschaften sind von absoluter Notwendigkeit, will sie doch Raikamas Fluch brechen. Doch jene dunkle Magie ist nicht das Einzige, was sie und ihre Brüder bedroht. Bald schon herrscht Krieg im Land und Shiori ist ausgerechnet auf die Hilfe ihres Verlobten angewiesen.

Nicht nur Shioris Charakter erfährt eine detaillierte Ausarbeitung im Buch. Auch die anderen Figuren besitzen Tiefgang und treten als eigenständige Persönlichkeiten auf. Gerade Takkan, Shioris Bräutigam, ist immer wieder für Überraschungen gut und so gar nicht der „unzivilisierte Lord dritten Ranges“, für welchen Shiori ihn anfangs hält. Schon bald spannt sich ein zartes Band zwischen ihnen. Ein Band, dass Shiori Halt gibt und gleichzeitig ihre Gefühle verrücktspielen lässt. Es als Liebe anzuerkennen, fällt ihr dennoch schwer. Zu lang hat sie im Herzen Hass gegen ihn geschürt, mit falschen Vorstellungen ein Trugbild gezeichnet. Mir ist die ambivalente Beziehung zwischen den beiden Charakteren sehr nahe gegangen. Beide haben ihre Gründe, den anderen zu verurteilen und finden dennoch zueinander. Ich hoffe sehr, dass ihre gemeinsame Geschichte auch im nächsten Band weiter- und zu einem glücklichen Ende geführt wird.

Die Geschichte wird von Elizabeth Lim in das Königreich Kiata gesetzt. Das Herrschaftsgebiet nördlich der vergessenden Inseln von Lapzur mutet wie eine Spiegelung altasiatischer Märchen an und gliedert viele Elemente aus der asiatischen Mythologie mit ein. Schon ein Blick auf die Karte vorne im Buch verrät die Detailliebe, welche Elizabeth Lim diesem Ort entgegenbringt. Ebenso schön wie die Zeichnung, sind auch die Beschreibungen der Landschaften. Ich habe es sehr genossen, gemeinsam mit Shiori die unterschiedlichsten Orte dieses vielseitigen Landes kennenzulernen. Vom stattlichen Kaiserpalast in Gindara über die Seeschwalbe auf einer kleinen nördlich gelegenen Insel bis zum Schloss Bushian in Iro. Immer wieder war ich verzaubert, wie sich die Worte zu atemberaubenden Bildern verwandeln, mich vollends vereinnahmen und nicht mehr losließen. Wer A’Landi in „Ein Kleid aus Seide und Sternen“ schon bereist hat, wird auch Kiata lieben!

Auch das Cover des Buches habe ich vom ersten Moment an geliebt. Schon ein Blick reichte aus und ich wurde sofort in eine träumerische Stimmung versetzt. Die wellenförmigen Farbübergänge strahlen eine ungeheure Ruhe aus – und stehen damit gänzlich im Kontrast zur spannungsgeladenen Geschichte. Elizabeth Lim gelingt es, den Lesenden auf gedankliche Umwege zu führen, die Handlung immer wieder neu zu drehen. Die vielen überraschenden Wendungen haben mich Seite für Seite in Atem gehalten. Bis zum Ende habe ich mitgefiebert, immer wieder neue Theorien gesponnen, nur, um sie dann wieder verwerfen zu müssen. Diesen unvorhersehbaren Charakter des Buches habe ich sehr beim Lesen geschätzt. Ich kann es kaum erwarten, den zweiten Band zu lesen!

Fazit:

Die sechs Kraniche ist ein spannungsgeladenes Märchen mit vielseitigen Charakteren und unzähligen Plot-Twists. Ein gelungener Reihenauftakt, der den zweiten Band mit Vorfreude erwarten lässt. Ich lege das Buch jedem Fan von „Ein Kleid aus Seide und Sternen“ sehr ans Herz – und allen, die sich mal wieder richtig verzaubern lassen wollen.

Fakten:

TitelDie sechs Kraniche
AutorinElizabeth Lim
VerlagCarlsen
Erscheinungsjahr2022
Seitenzahl476
Preis16 €
Band1

Welche Erwartungen habt ihr an „Die sechs Kraniche“?

Oder habt ihr dieses und weitere Bücher von Elizabeth Lim bereits gelesen? Dann verratet mir gerne in den Kommentaren euren persönlichen Favoriten. Ich bin gespannt auf eure Meinung!

Eure Jasmina

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